Club Academy - Das Fort- und Weiterbildungsangebot für Clubbetreiber*innen und Veranstaler*innen.

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Medizinische Notfälle im Cluballtag

In dieser Club Academy gab der Referent einen Überblick über die häufigsten medizinischen Notfälle im Club-Alltag - von kleinen Schnitten bis zum Herzstillstand. Dabei ging es vor allem darum, wie man Symptome deuten kann, welche Maßnahmen man selber ergreifen kann und wann ein Krankenwagen gerufen werden sollte.

Generelle Hinweise

Man sollte bei medizinischen Notfällen selbstbewusst mit der Situation umgehen, keine Angst vor Fehlern haben sowie schnell und bestimmt handeln. Man sollte aktiv werden, sich dabei aber auch der eigenen Grenzen bewusst sein (Selbstschutz geht vor Fremdhilfe), klare Ansagen machen und Personen direkt miteinbeziehen.Oft kann es schwer sein, zu differenzieren, ob es sich um ein einen Notfall handelt, oder ob die Situation ohne weitere Hilfe gehandhabt werden kann. Dabei ist es stets wichtig auf sein Bauchgefühl
zu hören und zu beobachten, wie sich der Zustand der Person im Verlauf entwickelt. Entscheidend ist, ob sich der Zustand trotz Maßnahmen bessert, gleichbleibt, oder verschlechtert.
Bei zweifelhaften Situationen sollte frühzeitig die 112 alarmiert werden.

Wunden

Nur mit dafür vorgesehenen Mitteln reinigen!
112 alarmieren bei: Größeren Wunden, klaffenden Wundrändern, keiner Blutstillung, pDMS (periphere Durchblutung, Motorik, Sensibilität)-Störung, Platzwunden am Kopf oder Bisswunden

Überhitzung

Hier ist wichtig zu beachten, dass die Betroffenen manchmal selbst nicht registrieren, dass sie überhitzt sind.
112 alarmieren, wenn der Verdacht darauf besteht, dass die Überhitzung durch Drogenkonsum verursacht wurde, wenn trotz Gegenmaßnahmen keine Besserung eintritt, wenn sich der Gesamtzustand verschlechtert.

  • Es gilt immer: Wasser oder zuckerhaltige Getränke geben, keinen Alkohol und kein Koffein.

Atemnot

Atemnot kann vielfache Ursachen haben. Wichtig ist, die betroffene Person zu beruhigen und zu eruieren, ob es ein bekanntes Problem ist oder zum ersten Mal auftritt.

  • Generell gilt: Falls trotz Gegenmaßnahmen keine Besserung eintritt, die 112 alarmieren.

Bei verschlucktem Objekt erst Husten lassen, dann Rückenschläge und Heimlich-Handgriff im Wechsel durchführen. Ebenfalls 112 alarmieren, wenn das Objekt weiterhin die Atemwege blockiert.

Kreislaufprobleme und Schock

Die Symptome von Kreislaufproblemen und Schock sind nicht leicht zu differenzieren. Beide Zustände können verschiedenste Ursachen haben. Bei Kreislaufproblemen reicht meist Schocklage, Flüssigkeitszufuhr und Zeit aus. Bei einem Schock werden diese Maßnahmen nicht ausreichen. 112 alarmieren bei dicken Halsvenen, Druck in der Brust, Atemnot, oder falls der Zustand andauert, da diese Symptome Hinweise auf eine ernste Problematik sein können.

  • Der Kreislauf benötigt Zeit, um sich zu stabilisieren. Daher ist es wichtig, die Betroffenen nicht wieder aufstehen zu lassen – auch wenn das meistens der der erste Impuls von betroffenen Personen ist.

Krampfanfall

Immer 112 alarmieren.
Person krampfen lassen:

  • Keine Medikamente ohne Absprache mit der betroffenen Person verabreichen.
  • Nicht versuchen, einen Zungenbiss oder das Krampfen durch festhalten zu verhindern, da zu große Verletzungsgefahr für den Helfenden sowie die betroffene Person besteht.

Umgebung der krampfenden Person frei machen, etwas Weiches (z.B. Kissen, Pullover) unter den Kopf legen und warten, bis das Krampfen aufhört. Danach in stabile Seitenlage bringen und Atmung kontrollieren.

Atem- oder Herzstillstand

Wenn die betroffene Person nicht bei Bewusstsein ist und keine normale Atmung hat: Hilfe rufen, AED holen (wenn vorhanden) und 112 alarmieren.
Bei der Herzdruckmassage immer lieber stärker/tiefer (5-6cm) drücken als zu lasch.

  • Keine Angst vor Fehlern haben: Gebrochene Rippen sind meist die schlimmste Konsequenz einer Herzdruckmassage. Gebrochene Rippen scheinen sogar mit der Anzahl an erfolgreichen Reanimationen zu korrelieren.

Psychotisches Verhalten

  • Hier gilt: Selbstschutz vor Fremdschutz. Man sollte immer die Deeskalation suchen. Es ist wichtig, einschätzen zu können, ob man es sich zutraut, empathisch auf die betroffene Person zuzugehen.

Man sollte nicht lügen oder den Betroffenen etwas vorspielen, da dies leicht ins psychotische Wahrnehmungsbild einfließen kann. Die Wahnvorstellung der Betroffenen sollten im Umgang mit ihm*ihr als echt akzeptiert werden. Es sollte jedoch auch klar gemacht werden, dass man selbst eine andere Wahrnehmung hat.
Von den Betroffenen möglichst viele Informationen erfragen!

Der betroffenen Person sollte die Angst davor genommen werden, dass ihr Zustand bestehen
bleibe:

  • Falls Stimulanzien konsumiert wurden, oder zu starker Schlafmangel besteht, der Person erklären, dass dies eine normale Reaktion des Gehirns ist und bei jedem auftreten kann.
  • Zudem versichern, dass nach dem Abklingen der Substanzwirkung und ausreichend Schlaf die Symptome fast immer aufhören.

Falls selbst- oder fremdverletzendes Verhalten entsteht, Alarmierung der 112 in Betracht ziehen.


Desorientiertheit

Auch wenn dies häufig der Fall ist, kann Desorientiertheit nicht nur durch Alkohol, Mischintoxikation oder KO-Tropfen ausgelöst werden. Desorientiertheit kann auch auf medizinische Notfälle wie eine Hirnblutung hinweisen und ist deshalb nicht zu unterschätzen.
Wichtig ist hier die Orientierungsprüfung: Falls eine Person nicht mehr zu Konsum, sich Selbst, Ort, Situation, Zeit und Begleitperson orientiert ist, sollte die Alarmierung der 112 in Betracht gezogen werden. Es sollte stets bedacht werden, dass der desorientierte Zustand auch andere Ursachen als Intoxikation und Schlafmangel haben kann.

  • Besteht Verdacht auf KO-Tropfen-Verabreichung, sollten die betroffene Person und deren Begleitung getrennt befragt werden.

Auch Unterzuckerung kann eine Ursache von Desorientiertheit sein. Diese kann leicht durch die Verabreichung eines zuckerhaltigen (nicht-koffeinhaltigen) Getränkes behoben werden.

„Bad Trip“ / Angst / Panik

Angst und Panik lassen sich ähnlich handhaben wie ein „Bad Trip“, sind jedoch meist wesentlich schneller behoben.
Wichtig ist, frühzeitig zu erfragen, was und wie viel konsumiert wurde (Psychedelika und andere Substanzen).
Wenn die Helfenden von der Situation überfordert sind, wenn selbst- oder fremdverletzendes Verhalten sich entwickelt oder Bewusstlosigkeit auftritt, die 112 alarmieren.
Mehr Informationen und Hinweise zur Handhabung und Begleitung von betroffenen Personen, die psychedelische Drogen konsumiert haben, können auf https://zendoproject.org/ gefunden werden.

  • Generell (vor allem bei Verdacht auf illegale Drogen) gilt: Beim Notruf die 5 Ws beantworten: 1.Wo, 2.Was, 3.Wie viele, 4.Welche Verletzungen, 5.Warten auf Rückfragen. Wenn hier Drogen erwähnt werden, wird die Polizei mit benachrichtigt. Falls dieses beim Notruf vergessen wurde, ist es unbedingt wichtig, dem Notarzt*der Notärztin ALLE Informationen zu geben, damit er*sie richtig behandeln kann.

Sonstiges

Verkrampfte Muskulatur

Entsteht oft bei Stimulanzienkonsum, Magnesiumbrausetabletten können helfen.

Stromschläge

Stromschläge können auch zeitlich versetzt noch Herzrhythmusstörungen hervorrufen. Daher sollten sie sehr ernst genommen werden.

Kopfschmerzen

Meistens sind Dehydrierung oder Unterzuckerung die Ursachen, daher empfiehlt es sich, zuckerhaltige Getränke zu verabreichen.

Abgetrennte Finger

Finger in Mullbinde wickeln, Mullbinde in wasserfesten Beutel einpacken und diesen dann auf Eis legen.


Ausgeschlagener Zahn

Nicht Putzen! Maximal 10 Sekunden unter lauwarmem Wasser abspülen und dann in Hanks-Salz-Puffer-Lösung (HBSS-Hanks Balanced Salt Solution) geben.

Kein Urinabgang trotz Flüssigkeitszufuhr

Stimulanzien können dazu führen, dass sich die Blase nicht entleeren kann. Dies löst sich in den meisten Fällen mit dem Abklingen der Substanzwirkung. Falls es jedoch zusätzlich zu Schmerzen im Flankenbereich kommt und dieser länger andauert, kann es ein Hinweis auf Schädigung der Nieren sein. Durch Anbringen eines Blasenkatethers in einer Notaufnahme kann der Druck abgelassen und die Nieren geschützt werden.


Ketaminüberdosierung

Während des Vortrags kam die Frage auf, was bei Ketaminüberdosierung zu tun ist. Ketamin wird auch in der Notfallmedizin unter anderem angewendet, da es eine Narkose herstellt, die eine Hypnose (Einschlafen) und Analgesie (Schmerzlinderung) herstellt und den Kreislauf sogar noch
weiter stabilisiert.
Bei Verdacht auf eine Überdosis sollte aber trotzdem 112 alarmiert werden. Bei einer (absichtlichen oder unabsichtlichen) Überdosierung kann die betroffene Person bewusstlos werden und selbst auf Schmerzreize keine Reaktion mehr zeigen. Im Club kann sie dann nicht ausreichend versorgt werden.
Hier empfiehlt es sich, präventiv zu handeln und die Gäste entsprechend aufzuklären beispielsweise mit Hilfe von Infobroschüren und Zusammenarbeit mit Safe Party-Projekten. Wenn die Gäste wissen, wie das Clubpersonal beim Vorfinden einer Person mit (Ketamin-) Überdosierung reagiert, werden diese im Zweifelsfall davon abgehalten, den Club als Ort einer bewussten Ketaminüberdosierung zu wählen.

Ausrüstung

Je nach Betriebsgröße und Art müssen unterschiedliche Verbandskästen vorhanden sein. Meist reicht die DIN 13157 („kleiner Verbandskasten“) aus.
Der Inhalt dieses sollte regelmäßig auf Vollständigkeit und Ablaufdaten des Inhalts kontrolliert werden, und fehlendes bzw. abgelaufenes Material sollte ersetzt werden.

Inhalt bei DIN 13157:

  • 1xInhaltsverzeichnis
  • 1xAnleitung zur ersten Hilfe
  • 2xAugenkompresse, 5x7cm
  • 2xDreiecktuch
  • 4xEinmalhandschuhe
  • 1xErste-Hilfe Kleiderschere, min. 19cm
  • 2xFixierbinden, 6cm
  • 2xFixierbinden, 8cm
  • 2xFolienbeutel, verschließbar, 30x40cm
  • 1xKälte-Sofortkompresse
  • 6xKompressen, steril, 10x10cm
  • 4xFingerkuppenverbände, 4,3x7,2cm
  • 4xFingerverbände, 12x2cm
  • 4xPflasterstrips, 1,9x7,2cm
  • 8xPflasterstrips, 2,5x7,2cm
  • 1xRettungsdecke, min. 210x160cm
  • 1xRollenpflaster DIN 13019, 2,5cmx5m
  • 1xVerbandpäckchen klein
  • 3xVerbandpäckchen mittel
  • 1xVerbandpäckchen groß
  • 1xVerbandtuch, 60x80cm
  • 5xVliesstofftuch, 20x30cm
  • 8xWundschnellverband, 10x6cm

Dazu sollten auf jeden Fall noch Hand- und Wunddesinfektionsmittel, sowie Hanks-Salz-Puffer-Lösung und Magnesiumbrausetabletten gekauft werden.
Des Weiteren ist es empfehlenswert, einen Automatisierten Externen Defibrillator (AED) zu kaufen. AEDs können in der Anschaffung mit ca. 2000 Euro sehr kostspielig sein, aber sie geben im Falle eines Herzstillstandes lebenswichtige Hilfe.
Es sollte bedacht werden, dass fehlerhafte Herzrhythmen nach wenigen Minuten von defibrillierbaren in nicht defibrillierbare übergehen können. Sofern innerhalb der ersten 3-5min nach Herzstillstand defibrilliert wird, besteht noch eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 50-70%. Danach nimmt diese stark ab. Rettungswagen benötigen meist länger als 3-5 min bevor sich vor Ort sind.

  • Verbandskästen deutlich kennzeichnen! Falls sich diese in einer Schublade oder ähnlicheM befinden, muss diese von außen mit einem weißen Kreuz auf grünem Hintergrund gekennzeichnet sein!

Mitschrift der Club Academy: Medizinische Notfälle im Cluballtag vom Montag, 17. Juni 2019, 18:00


Materialien zu diesem Workshop: